Alte Ideale: Der Beitrag des Christentums zur (Neu-)Erfindung von Männlichkeit

Print Friendly, PDF & Email

von Theresia Heimerl

 

Beim Thema Männlichkeit bringt die christliche Theologie- und Kulturgeschichte überraschende Aspekte zutage. In der Spätantike kam es zu einem radikalen Paradigmenwechsel durch das Christentum, das sich auch bei der Herausbildung europäischer Männlichkeitstypologien als wirkmächtig erwiesen hat. Lässt sich vor diesem Hintergrund vielleicht sogar die Krise des Katholizismus heute besser verstehen?

 

„You are man?“ konnte man im vergangenen Frühjahr in der Londoner Innenstadt überall auf Großbildschirmen und Plakaten lesen. Die Frage untertitelte ein Bild, das einen Mann mit Zwanziger-Jahre-Schnurrbart, ebensolcher Kleidung und einem dämlich-verzweifelten Gesichtsausdruck auf einem schwarzen Gummitier zeigt, Ross und Reiter bereits beide halb im Meer versunken.

Es handelte sich dabei freilich nicht um feministische Konzeptkunst, sondern um die Werbekampagne einer britischen Modekette. Die Frage nach der Definition von Männlichkeit, oder gar des Mannes an sich, ist mit kaum überbietbarer Deutlichkeit im Mainstream angekommen, vielleicht sogar – anders als die Frauenfrage – ohne nennenswerten Umweg über akademische Diskussionszirkel. Ist Männlichkeit ein Konstrukt, dem nur noch übrigbleibt, als selbstironisches Zitat in den Wellen der Postmoderne unterzugehen? Oder aber schlägt das Imperium zurück, wie in feministischen Kreisen befürchtet wird, und rüstet die hegemoniale, weiße, heterosexuelle Männlichkeit längst zum Angriff auf alle Errungenschaften geschlechtersensibler, inklusiver, nichtdiskriminierender Weltdeutung? Und: Welches der beiden Szenarien soll Christen und Christinnen mehr ängstigen?

Das eingangs zitierte Werbebild mag konservative Zeitgenossen irritieren und ihnen als Bestätigung der Auflösung der natur- oder gottgegebenen Geschlechterrollen dienen. Es vermittelt uns jedoch allenfalls eine entfernte Ahnung davon, wie auf Männer des zweiten und dritten Jahrhunderts die erzählten Bilder von den ersten christlichen Märtyrern gewirkt haben müssen: Männer, freie, erwachsene Männer, ja sogar Soldaten (Sebastian, Laurentius), die sich ohne jede Gegenwehr auf den Rost binden, mit Pfeilen durchbohren, von wilden Tieren zerreißen lassen – kein Zweifel, mit dieser Religion war für viele Zeitgenossen das Ende der Männlichkeit gekommen.

Männlichkeit bedeutete in der Antike – wie Michel Foucault basierend auf der Arbeit von Paul Veyne nachgewiesen hat – nicht eine bestimmte sexuelle Orientierung, sondern vor allem eines: Aktivität. Ob im Kampf oder auf der Agora, im Senat oder auf dem eigenen Landgut, entscheidend für den Mann war die selbstbestimmte Aktivität, sie unterschied ihn von allen anderen: Kindern, Frauen, Sklaven, deren Aktivität von anderen, eben Männern, bestimmt und so letztlich passiv war. Ein Mann, der die gewaltsame Enteignung, ja Zerstörung seines Körpers freiwillig hinnahm, musste pervers sein im wörtlichen Sinn, eine Umkehrung all dessen, was den Mann zum Mann machte. Nicht erst Nietzsche graute vor dem Christentum als einer Sklavenreligion, in der Verlierer zu Helden stilisiert werden.

Selbst hartgesottene Kritiker und Kritikerinnen müssen dem Christentum zugestehen, dass ihm durch die Etablierung eines neuen Helden- und Männerbildes ein propagandistisches Meisterstück geglückt ist. Und nicht genug mit dem Märtyrer als neuem Helden – es setzte noch eines drauf, indem es den Asketen zum legitimen Nachfolger des Märtyrers ausrief und seine Lebensführung, die in ihrer völligen sexuellen Enthaltsamkeit auch die letzten Reste von traditioneller Männlichkeit in der angewandten Zeugungskraft tilgte, zum wahren Ideal erklärte. Die ölglänzende, verschwitzt muskulöse, offen zur Schau gestellte Körperlichkeit der antiken Helden, ihre Virilität, die sich an Königstöchtern, Amazonen, Knaben, ja sogar Göttinnen manifestierte, war einer in weite, schäbige Gewänder gehüllten, bleichen, vom Fasten überschlanken Unkörperlichkeit gewichen, deren Männlichkeit allenfalls noch dort aufblitzte, wo sie den Kontakt mit Frauen zu vermeiden trachtete.

Das Christentum erfindet die ideale Männlichkeit derart radikal neu, dass jeder moderne Genderdiskurs halbherzig wirken muss. Weder die oft und nicht ganz zu Unrecht konstatierte Frauenverachtung der frühen Theologen und Erfinder des neuen Männlichkeitsideals, noch die Übernahme antiker patriarchaler Strukturen für die neu christianisierte Gesellschaft und schon gar nicht die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Praktiken widerlegen diese These. Vielmehr beweisen die genannten Strukturen und Gedanken, dass eine Neukonstruktion von Männlichkeit zwar Auswirkungen auf das Verständnis von Weiblichkeit hat, aber nicht durch Frauen oder für Frauen geschehen muss.

Die neue Männlichkeit des frühen Christentums ist ihrem Selbstverständnis nach eben keine Feminisierung, wie ihr damals Kritiker und heute Feministinnen unterstellt haben, sondern vielmehr eine genuine Neuerfindung von Männlichkeit mit der Überwindung physisch inszenierter Virilität zugunsten höchster Selbstbeherrschung und Transzendierung der Passivität zur Passio und Compassio als Ausdruck wahrer Freiheit.

Sind abendländische Männlichkeitstypologien Produkt christlicher Ideale?

Das Christentum bringt also ein neues Männlichkeitsideal hervor, das es davor vielleicht in einzelnen Komponenten oder kleinen Kreisen mancher philosophischen Strömungen, aber nicht im gesellschaftlichen Mainstream gegeben hat. Mit dem Frühmittelalter lässt sich dieser „neue Mann“ auch als eigener Stand fassen, als jener der Kleriker, die in geistlichen, aber auch oft genug in weltlichen Dingen den Führungsanspruch stellen, eben weil sie das neue Ideal am vollkommensten verkörpern.

Doch hört die alte Männlichkeit auf zu existieren? Natürlich nicht, ein elitäres Ideal funktioniert immer nur in der Differenz, und diese bilden all jene Männer, die keine asketischen Kleriker sind: also die Krieger und Bauern. Während Letztere noch Jahrhunderte lang keine vernehmbare Stimme im Diskurs um kulturelle Ideale haben, lässt sich an den Kriegern und späteren Rittern sehr gut die Transformation des antiken beziehungsweise germanischen Männerideals des aggressiv-aktiven, virilen Kriegers unter dem Einfluss des christlichen Idealtypus zu einem neuen Subtypus beobachten, der in der Folge weit mehr Einfluss im Männlichkeitsdiskurs erhält als das asketische Vorbild selbst: der ritterliche Liebhaber.

Der französische Mediävist Georges Duby spricht in seinem Standardwerk „Ritter, Frau und Priester“ (1981) von einem „Dreiecksverhältnis“, in dem der Priester, also ein zölibatärer Kleriker, gerade in seiner nichtreproduktiven, inaktiven Männlichkeit in direktem Konkurrenzverhältnis zum Ehemann, zunächst noch Repräsentant einer vorchristlichen Männlichkeit, steht. Den idealen Mann, den diese Hofkleriker für Frauen und nach deren Wünschen kreieren, zeichnen die Beherrschung der eigenen Triebe und Aggressionen ebenso aus wie seine Bildung, seine asketisch-ästhetische, nur dezent gezeigte Körperlichkeit und seine kultivierten erotischen Neigungen gegenüber einer Frau.

Der romantische, ritterliche Liebhaber ist gewissermaßen die Synthese von Krieger und Priester und damit die zumindest fiktionale Aufhebung des Konkurrenzverhältnisses zweier unterschiedlicher Männlichkeitsideale in einem neuen, dritten. Natürlich ließen sich zu diesen drei Grundformen noch viele weitere Abwandlungen beschreiben, der Rittermönch etwa oder die ruralen Männlichkeiten, wie sie die Literatur ab dem Spätmittelalter als komisch-derbe Variante kennt. Für die Ausbildung der abendländischen Männlichkeitsdiskurse bleiben jedoch diese drei Typologien bis in die Gegenwart bestimmend.

Brave Christen und Christinnen werden nun ebenso wie eifrige Medienkonsumenten anmerken, dass noch eine zentrale Repräsentation von Männlichkeit fehle: der Familienvater. In der Tat stellt der heute in Sonntags- und Wahlkampfreden als Ideal christlich-konservativer Männlichkeit beschworene Familienvater bis zum Ende des Mittelalters kein Ideal dar, ja nicht einmal einen diskursfähigen Subtypus. Der Mann als Ehemann und Vater von mehreren Kindern ist gesellschaftliche Realität, über die es nicht zu reden oder schreiben lohnt: Vaterschaft ist eine selbstverständliche Nebensächlichkeit, die allenfalls zur Diskussion steht, wenn sie als Scheitern am Ideal des asketischen Helden geschieht. Der später viel zitierte pater familias als Oberhaupt der ersten Christengemeinden spielt für die Ausbildung christlicher männlicher Idealtypologien keine Rolle.

Den Familienvater als idealen Repräsentanten von Männlichkeit verdanken wir, wie Albrecht Koschorke gezeigt hat, der Reformation. Für Asketen (heuchlerisch) und Liebhaber (frivol) ist kein Platz mehr in der reformatorischen Weltdeutung, der Krieger ist zum käuflichen Söldner geworden, der vorbildliche protestantische Mann ist Haupt der Hauskirche und Familie gleichermaßen. Wie wenig attraktiv diese Engführung im kulturellen Diskurs war, zeigt die Literatur protestantischer Provenienz in Aufklärung und Romantik, die nach einer gründlichen Profanierung der mittelalterlichen Männlichkeitsideale vor allem im Liebhaber, der nun auch kriegerischer Held und im Sinne protestantischer Tugendethik Asket sein muss, ein weites Betätigungsfeld findet und so der Moderne überantwortet wird.

Mad Men: Männlichkeiten gefangen zwischen Moderne und Postmoderne

Die US-amerikanische TV-Serie „Mad Men“ kann als idealtypisches Beispiel jener Männlichkeit der Moderne gelten, wie sie zum Feindbild oder gar Auslöser der zweiten Frauenbewegung wurde: Weiße Männer in Anzügen rauchen, trinken, betrügen mit großer Selbstverständlichkeit ihre Ehefrauen im idyllischen Vorstadtheim, werden von Sekretärinnen im Petticoat angehimmelt, ohrfeigen schon einmal ungezogene Kinder und machen nach der ersten Morgenzigarette im Bett Klimmzüge in Erinnerung an ihre dekorierte Kriegervergangenheit im Zweiten Weltkrieg. Release-Datum der Serie war Juli 2007 und sie kann – gerade in ihrer Fiktionalität – als vielleicht bestes Dokument für den Wandel von Männlichkeit und die Fragilität neuer Männlichkeitsdiskurse gelten, wie sie mit dem Übergang von der Moderne zur Postmoderne eintreten. Die hegemoniale, heterosexuelle Männlichkeit als selbstverständliches Ideal, dem ein Oszillieren zwischen Krieger, Liebhaber, Familienvater und Asket erlaubt war, ist heute zum historischen Vexierspiel geworden, das nicht zuletzt junge Frauen gerne vor dem Bildschirm konsumieren.

Eine derart (scheinbar) unhinterfragte Männlichkeit ist nur mehr im historischen Gewand, mit dem deutlich erkennbaren Etikett „Retro“ versehen möglich, oder aber in jenen virtuellen Welten, die noch nicht von weiblichen Wünschen und Sehgewohnheiten, oder gar von sexual und political correctness geprägt sind: Die Maskulinität der „Mad Men“ findet heute ihre Entsprechung in den Playstation- und Online-Spielen männlicher Jugendlicher: Hier präsentieren Männer wieder ganz wie die Helden der paganen Antike ihre schweißnassen Muskelpakete und überdimensionalen Waffen, fassen Frauen ans Dekolleté und entbehren jeglichen Selbstzweifels über ihren in ihrer männlichen Aktivität begründeten superioren Platz in der Welt.

Im Mainstream von Film und TV hingegen haben die christlichen Männlichkeitsideale gesiegt. Selbst von James Bond, lange Zeit Aushängeschild eines säkularisierten hypermaskulinen Hedonismus, wird seit Kurzem erwartet „halb Mönch, halb Killer“ zu sein (Eigendefinition Bond, „Casino Royale“, 2006). Die ritterlichen Liebhaber mit Hang zur wahren Liebe und entsprechender, zumindest temporärer Enthaltsamkeit haben ebenso Hochkonjunktur wie die asketischen Krieger, die sich selbst und ihre Leidenschaften dem Kampf gegen das Böse unterordnen, auch die Vaterrolle des Mannes kommt nicht zu kurz.

All diesen Männlichkeiten der Populärkultur ist gemeinsam: Sie entstammen unverkennbar christlichen Tradition idealer Männlichkeiten. Sie sind zugleich Bestätigung und Infragestellung der überkommenen Männlichkeiten: Der Liebhaber kann auch homosexuell sein (wie im Film „Brokeback Mountain“, 2005), der Krieger körperlich defizient, ja nichthuman („X-Men“) oder aber moralisch instabil („Batman“, „Ironman“), der Familienvater auch eine Ersatz- oder Patchworkfamilie beschützen („Terminator II“, 1991).

Die Männlichkeit oder besser ihr Plural, die Männlichkeiten, scheinen nach wie vor gefangen im Niemandsland zwischen Moderne und Postmoderne, und paradoxerweise umso mehr, je selbstverständlicher die Errungenschaften der Frauenbewegung für junge Frauen sind: War lange Zeit (gerade auch in der feministischen Kritik) die Rede von „Männerphantasien“, welche die oben genannten Männerbilder der Populärkultur hervorgebracht hätten, so muss man heute konstatieren, dass längst ein weibliches Publikum seine Phantasien auf der Leinwand und am Bildschirm verwirklicht sehen will und Männer zum Objekt weiblicher Schaulust geworden sind – und es sind keineswegs nur politisch korrekte Männlichkeiten, die gesehen werden wollen.

Die Entstehung des romantischen Liebhabers mit asketischem Einschlag, die Georges Duby als Leistung des gebildeten Hofklerikers für das Mittelalter nachzeichnet, hat ihr Pendant in den postmodernen Männlichkeiten eines überwiegenden Teiles der Film- und Fernsehwelt gefunden. Nur wo sind der Hofkleriker und die hinter ihm stehende Deutungsmacht der Kirche geblieben?

Zurück in die Zukunft?

Die katholische Kirche als Männerbund, als die letzte Bastion klarer Geschlechterrollen, als Ort akuter Ungleichbehandlung beziehungsweise Bevorzugung von Männern – man kennt die Zuschreibungen, die je nach Interessenlage Ärger oder Befriedigung ausdrücken. Ist es nicht angesichts des provokanten Tabubruchs jeden männlichen Ideals in den Anfängen des Christentums eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet das institutionalisierte Christentum, vor allem katholischer Provenienz, heute als Hort einer traditionellen Maskulinität gilt?

In der Tat spiegelt sich in den lehramtlichen Aussagen zu den Geschlechterrollen herzlich wenig von den innovativen Männlichkeitsbildern des Märtyrers, Asketen oder gar höfischen Liebhabers wider, vielmehr atmen Texte wie „Gaudium et spes“, Nr. 47–52 (1965), „Mulieris dignitatem“ (1988), oder „Über die Zusammenarbeit von Mann und Frau“ (2004) eine Mischung aus Aristoteles, protestantischer Familienidylle und biedermeierlich-bürgerlichem Rollen- beziehungsweise Männerideal.

Der Mann als glühender Liebhaber sogar der eigenen Ehefrau ist nach wie vor suspekt wie schon den Kirchenvätern, nur ist er auch kein asketischer Held mehr, sondern Verkörperung eines Gesellschaftsideals, das bereits zur Zeit des Konzils erhebliche Risse bekam und mittlerweile nur noch als ironiefreie Selbstbeschwörung oder aber wahlkampftaktische Inszenierung an Sonn- und Feiertagen existiert.

Auch (und gerade) katholische Männer werden von der Realität in Gestalt von berufstätigen Frauen, Scheidungen, Kinderbetreuungsverpflichtungen und Hausarbeit eingeholt, und, nach kurzen Restaurationsversuchen der katholischen Jungfamilie, in ihrem Selbstverständnis nachhaltig erschüttert. Das eingangs zitierte Plakat könnte in katholischen Regionen auch einen Mann im Trachtenanzug mit Altöttinger Bierkrug zeigen, an den die Frage „You are man?“ mit ebenso großer Dringlichkeit zu stellen wäre.

Doch suchen wir die katholische Männlichkeit vielleicht an der falschen Stelle? Ist der katholische Familienvater nicht nur ein Nebenschauplatz? Müsste man nicht, dem historischen Postulat folgend, den zölibatären Kleriker als relevante Verkörperung eines christlich-katholischen Männlichkeitsideals in den Blick nehmen?

Beginnen wir wieder mit einem Bild: Ein junger Priester, in Soutane und Kollar, mit entrücktem Blick an eine Säule gelehnt, ein Buch in der Hand: So präsentiert der „Calendario Romano“ auf zwölf Bildern im Monatskalender-Hochglanzformat eigenen Angaben zufolge wirkliche Priester beziehungsweise Seminaristen.

Dieses Bild steht nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu dem samt Gummitier versinkenden Schnurrbartträger und der ironischen Frage: „You are man?“ Vielmehr stellen beide Bilder auf ihre Weise die fest gefügte Männlichkeit der Moderne in Frage und begeben sich auf der Ebene des Werbesujets (der Calendario ist kommerzielles Produkt einer Mailänder Firma) in den Diskurs über postmoderne Männlichkeiten, deren Reiz gerade darin besteht, einzelne Definitionsmerkmale satirisch zu überhöhen, zu unterlaufen oder gar zu brechen.

Der klerikale Posterboy repräsentiert die ästhetisch-kommerzielle Fortsetzung des historischen christlichen Männerideals, also des Mannes, der nicht nur der kriegerischen Aktivität entsagt hat und dies durch die vollständige Verhüllung seines Körpers in einem geschlechtlich ambivalenten Gewand kundtut, sondern auch demonstrativ virile Männlichkeitsmuster unterläuft, indem er sich als sexuell enthaltsam zu erkennen gibt und das Attribut alternativer christlicher Männlichkeit, das Buch, präsentiert. Georges Duby wäre entzückt.

Der „Calendario Romano“ ist – ebenso wie der untergehende Mann des britischen Plakates – fiktionale Wirklichkeit und gerade als solche sehr vielsagend: Die männliche Identität des Priesters, historisch Kristallisationspunkt des christlichen Männlichkeitsideals, wird offensiv und positiv besetzt nur mehr fiktional verhandelt, ob in anspruchsvollen Filmen wie „Von Menschen und Göttern“ (2010) oder trivial in TV-Serien wie der deutschen Produktion „Lasko“ (2008–2011).

Die Priesterkrise ist Teil des Wandels der Männlichkeiten

Die aktuellen Diskussionen um reale klerikale Männlichkeit drehen sich um deren totale Inversion oder besser Perversion: Männer, die weder „neue“ Männer im Sinne des christlichen Ideals noch „alte“ Männer mit einer offen ausgelebten Körperlichkeit und Sexualität sind, sondern sich bloß den institutionellen Anschein des männlichen Attributes „Autorität“ geben. Dass die skandalisierten Verhaltensweisen oftmals gerade homosexuelle Handlungen waren, also jene Art von Sexualität, die vom Christentum, anders als in der paganen Antike, als jedes Mannes unwürdig und verdammenswert angesehen wurde, vervollständigt das Bild von in die Krise geratener klerikaler Männlichkeit nur noch.

Die Diagnose kirchlicher Kreise, die meinen, dass die mit der Postmoderne in Bewegung geratenen Definitionen der Geschlechterrollen mit Anteil hätten an der Krise des Priesterbildes, ist so falsch nicht – wenn auch anders, als vermutet: Das vom Protestantismus inspirierte, dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts entstammende Ideal des christlichen, ständisch verorteten Familienvaters kann in seiner Schablonenhaftigkeit den Anforderungen der komplexen Wirklichkeit der Postmoderne nicht gewachsen sein.

Der Priester wurde (und wird) parallel dazu als Gegenmodell zum Familienvater konstruiert: ein potenziell guter pater familias, der die realen Kinder gegen die spirituellen eintauscht und über die Gemeinde als seine Familie wacht. Längst aber gibt es ungleich mehr alternative Männlichkeiten: Männer, die keine Familie haben (wollen), Männer in gleichberechtigten Beziehungen mit einer Frau oder einem Mann, juvenile ungebundene Maskulinität bis ins mittlere Alter, Männer in Väterkarenz oder als Alleinerzieher und vieles mehr. Ein genuin christliches Männlichkeitsideal kann sich also nicht als ein simpler Abklatsch einer vergangenen Zeiterscheinung definieren. Noch weniger kann das wirklich spezifische Männlichkeitsideal des sexuell enthaltsamen Klerikers sich als Negation dieses Abklatsches sehen. Die Priesterkrise ist sicher Teil eines Wandels der Männlichkeiten.

Sollen Christen und Christinnen dem (gar nicht so) alten Mann nachweinen oder sich gar vor neuen Optionen fürchten? Keinesfalls. Das Christentum hat geschafft, wovon jede Werbeagentur träumt: Es hat ein völlig neues Männlichkeitsideal erschaffen, entgegen allen gesellschaftlichen Gewohnheiten und Konstruktionen, und es hat dieses Ideal weiterentwickelt und 1000 Jahre später nochmals neue Maßstäbe gesetzt. Mit dieser Tradition sollten auch im 21. Jahrhundert Überraschungen im Diskurs der Maskulinitäten möglich sein. Und selbst wenn das klerikale Pin-up in Soutane gemeinsam mit dem Mann der frühen Moderne auf dem Gummitier in den Wogen der Postmoderne versinken sollte – die Frage „You are man?“ muss und wird von Christen mit „Ja“ beantwortet werden, hoffentlich mit dem Zusatz: „But a different one.“

Theresia Heimerl

Theresia Heimerl (geb. 1971), Studium der Deutschen und Klassischen Philologie und Katholischen Theologie in Graz und Würzburg, Dr. phil. 1998, Dr. theol. 2002. Habilitation über den „Körper in Patristik, Gnosis und Manichäismus“, seit 2003 ao. Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Graz.

Quelle: Herder Korrespondenz 65. Jahrgang (2011), Heft 9, S. 466-470

Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © Verlag Herder, Freiburg.
www.herder-korrespondenz.de

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.